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Reisebericht Februar 2006

von Hans Schäfer

Im Februar entschloss ich mich sehr kurzfristig, eine weitere Reise nach Malawi zu unternehmen. Der Grund war, dass wir gegen Ende des letzten Jahres feststellen mussten, dass unsere Buchhalterin Funny Tawakali in Blantyre entgegen ihrer vielen Versprechungen fast nichts gemacht hatte. Es blieb uns nichts anderes übrig als uns von der Dame zu trennen. Dadurch konnten wir aber unser Konto in Blantyre, über das die Gelder für die Kinder fliessen, nicht mehr benutzen. Die Zeit drängte, da die Schulgebühren fällig waren.

Mi 15.2.

Abflug in FRA um 2345 mit Ethiopian. Mein Koffer wiegt diesmal nur 32 kg. Dazu habe ich noch einen Handkoffer mit 16 kg und die Umhängetasche mit dem Notebook und Unterlagen mit 12 kg. Ich muss etwas verhandeln.

Do 16.2.

Weiterflug über Addis Ababa und Entebbe/Uganda nach Lilongwe/Malawi. Ankunft 1320. Die Temperatur von fast 30°C und die hohe Luftfeuchtigkeit machen mir zu schaffen. Ich bin mitten in der Regenzeit gelandet. Unser Freund Willi Ehret holt mich ab. Er lädt mich ein, bei ihm zu wohnen.

Fr 17.2.

Ich fahre mit Willi in die Stadt, um Geld zu wechseln. Wir gehen auch ins Büro von Ron Nkomba, unserem malawischen Vorsitzenden. Er ist aber nicht da. Ich telefoniere mit Selina Sakanda, unserer Koordinatorin in Lilongwe. Sie ist down mit Malaria.

Sa 18.2.

Ich fahre mit Willi nach Nkoma bei Salima. Hier betreibt Andrew Barr zusammen mit seiner Frau ein Kinderkrankenhaus. Die deutsche Kinderkrankenschwester Dorothea zeigt uns einen kleinen Jungen, dem sie mehrfach das Leben gerettet hat. Immer, wenn sie Lebensmittel für ihn in sein Dorf schickte, wurden die von anderen Dorfbewohnern aufgegessen. Schliesslich war er so schwach, dass er nicht mehr aus der Flasche trinken konnte. Sie nahm ihn mit, legte eine Magensonde und päppelte ihn wieder auf. Jetzt will sie ihn adoptieren.

Ich sage Dorothea, dass wir nur 13 km entfernt in Matenje eine Maismühle betreiben und an die Herstellung von Likuni Phala, einer Kindernahrung aus Mais und Soja, denken. Sie möchte uns gern grössere Mengen für ihre Kinder abkaufen. Im Gegenzug schenke ich ihr 400 Injektionsnadeln, die ich mitgebracht habe.

Mit Andrew bespreche ich die Möglichkeit, eine kleine Berufsausbildung für Schreiner für Waisen aufzubauen. Ich schenke ihm vier Sätze Stechbeitel.

So 19.2.

Bernhard Schwarz kommt aus Mzuzu, um seinen Chipunga-Kaffee zu verkaufen. Nachmittags nimmt Willi uns mit auf eine Tabakfarm bei Namitete. Der Eigentümer zeigt und erklärt uns die verschiedenen Tabakarten, die Schädlingsbekämpfung und die Verarbeitung der Tabakblätter. Tabak ist der wichtigste Exportartikel Malawis vor Tee und Kaffee.

Mo 20.2.

Ich besuche Frank Siegmund vom Deutschen Entwicklungsdienst. Er hat uns schon viel geholfen, das letzte mal bei der Finanzierung der Bäckerei in Lirangwe. Wir besprechen die Möglichkeit einer weiteren Bäckerei bei unserer Maismühle in Muloza bei Mulanje. Christa Roth von Fuel Security Promotion würde uns gern einen Backofen zur Forschung schenken.

Heute ist Ron Nkomba, der ehemalige malawische Botschafter in Deutschland, im Büro. Wir besprechen die Situation von GEAMOC, vor allem das weitere Vorgehen gegen den Verkehrsminister Henry Mussa, der die Müllerinnen unserer Mühle in Chiradzulu gezwungen hatte, die Einnahmen auf sein Privatkonto zu zahlen (siehe Reisebericht 2005).

Anschliessend fahre ich mit Bernhard und seiner Frau Rachel nach Blantyre (ca. 320 km). Unterwegs besuchen wir unsere Mühle in Lirangwe. Mr. Magaya und die Frauen der Gruppe begrüssen mich freundlich. Zum ersten Mal sehe ich die neue Bäckerei. Der Bäcker, Mr. Mulolo, stellt sich vor. Er trägt als Zeichen seiner Würde eine richtige Bäckermütze. Er hat gerade frische Brötchen gebacken. Sie schmecken nicht schlecht. Die Bäckerei hat zwei Backöfen, einen fest gemauerten und einen tragbaren. Dieser soll bei Markttagen in einer nahen Kleinstadt eingesetzt werden. Als Brennstoff dient Holz.

Wir fahren weiter zu Ziccan, der mich einlädt, in seinem Haus zu wohnen. Ich überreiche meine Gastgeschenke: eine Teflon-Bratpfanne mit Glasdeckel, ein grosses scharfes Messer, einen Krauthobel. Ich mache erstmal für alle einen Gemüse-Eintopf und Krautsalat. Ziccans Computer ist kaputt. Die Telefonleitung wurde vermutlich gestohlen.

Di 21.2.

Zunächst wechsle ich Geld. Der Kwatcha ist inzwischen auf 165 MK/Euro gefallen. Deshalb setze ich die jährliche Zuwendung pro Kind von 7000 auf 8000 MK herauf. Das entspricht 50 Euro. Mit Ziccan besuche ich verschiedene Kinder in Blantyre und bezahle das Schulgeld. Dabei stelle ich fest, dass die Schulgebühren auf bis zu 15.000 MK pro Jahr gestiegen sind. Das ist fast das Doppelte der Summe, die ich zur Verfügung habe.

Nachmittags fahren wir nach Lirangwe, sehen einige der Kinder beim Unterricht in der von uns im letzten Jahr gebauten Mehrzweckhalle, und besprechen mit den Müllerinnen die anstehenden Arbeiten. Ich schlage vor, mit der Herstellung von Likuni Phala für unsere Kinder zu beginnen. Sie stimmen zu.

Mir fällt auf, dass Ziccans Auto weder vorn noch hinten ein Nummernschild hat. Er meint, das sei zu teuer. Auf meine Frage, wie er denn die zahlreichen Strassensperren der Polizei passieren wolle, erklärt er, dass er den Polizisten nur sagen müsse, dass seine Tante ihre Chefin sei. Das funktioniert tatsächlich hervorragend!

Mi 22.2.

Wir besuchen weitere Kinder in Blantyre. Danach fahren wir nach Chiradzulu. Ziccan hat sich seit zwei Monaten nicht mehr hingetraut, weil Henry Mussa gedroht hat, dass seine „boys“ Ziccans Auto mit Steinen bewerfen würden. Ich verspreche Ziccan, dass ich die Kerle fertig machen werde. Die Menschen in Chiradzulu sind betrübt, weil wir unsere Mühle dort abgebaut haben. Ich sage ihnen, dass wir bereit sind, die Mühle zurückzubringen, wenn Henry Mussa die nächste Wahl in zwei Jahren verliert.

Die von uns im Jahr 2004 erbaute Krankenstation steht immer noch so unvollendet da wie ich sie im letzten Jahr verlassen habe. Der daneben von MASAF, einer staatlichen Hilfsorganisation, gebaute Kindergarten ist seit einem halben Jahr fertig, wird aber ebenfalls nicht benutzt. Als Begründung höre ich, dass man Henry Mussa nicht in die Hände arbeiten wolle. Das überrascht mich nicht.

Wir erfahren, dass Alinafe Napulu, das Patenkind von Frau Denu, nicht mehr im Dorf ist. Nach zweistündiger Suche finden wir ihn in einem nagelneuen Erziehungs- und Schulungs-Zentrum samt Buddha-Tempel, das von Chinesen aus Taiwan für malawische Waisenkinder gebaut wurde. Alinafe erzählt, dass sich nach dem Tod seiner Oma niemand mehr um ihn kümmern wollte. Da haben ihn die Chinesen mitgenommen. Es scheint ihm gut zu gehen. Die Chinesen wollen kein Geld von uns. Wir lassen trotzdem 2000 MK als Taschengeld zurück.

Nachmittags bin ich bei unserem Anwalt Mr. Mhango in Blantyre, der zusagt, unsere Klage gegen Henry Mussa zu vertreten. Er erhält eine Anzahlung von 40.000 MK, ca. 240 Euro.

Am Abend habe ich das erste Treffen mit unserer neuen Buchhalterin Miss Gaby Meyer, einer jungen Südafrikanerin. Sie macht einen sehr kompetenten Eindruck. Wir vereinbaren, dass sie die Buchhaltung monatlich als EXCEL-Sheet erstellen wird und dafür 5000 MK (ca. 30 Euro) pro Monat plus Kosten, z.B. für Fax, Internet etc. erhält.

Do 23.2.

Wir besuchen weitere Kinder in Blantyre und Umgebung. Wir müssen sehr aufpassen, dass wir nicht von einem der gewaltigen tropischen Gewitter erwischt werden, wenn wir in den Dörfern sind. Hier gibt es keine Asphalt-Strassen. Der Lehm wird in den Wolkenbrüchen zu schmierigem Schlamm, der glatt ist wie Seife. Keine Chance, da ohne Allradantieb und Differentialsperre wieder raus zu kommen.

Wir kaufen beim Inder in Limbe ein Fahrrad Marke „geölter Tiger“ und überreichen es Tapiwu Kumbanga, dem Patenkind von Frau Berg. Er ist sehr glücklich.

Fr 24.2.

Ziccan und ich fahren nach Mulanje. Zunächst besuchen wir Andreas Michel. Er arbeitet für die GTZ und ist der Assistent von Christa Roth, die aber schon wieder in Zambia ist. Wir besprechen verschiedene Möglichkeiten der Beschaffung von Nahrungsmitteln und deren möglichst energiesparende Zubereitung. Er erhält von mir 50 Obstschäler zum Testen , vor allem für Kassawa. Gegen eine Dose Paulaner und eine Dose Schwarzwurst leiht er mir das Buch „Ach, Afrika“ des ZEIT-Korrespondenten Grill, von dem ich schon viel gehört hatte. Wir vereinbaren, bei den Mühlen und Bäckereien zusammen zu arbeiten.

An unserer Mühle in Muloza treffen wir Mr. Magaya aus Lirangwe und den Müller George aus Chiradzulu, die wir vorübergehend dorthin geschickt haben, um die Mühlengruppe zu unterstützen. Ihr Führer, der Pfarrer aus Muloza, ist im Krankenhaus.

Auf der Strasse beobachte ich Männer, die Fahrräder mit zwei bis drei Säcken Mais schieben. Wir fahren in die Richtung, aus der sie herkommen und gelangen in ein Dorf direkt an der Grenze zu Mozambique. Die Radfahrer schmuggeln hier den Mais von Mozambique nach Malawi. Ich kaufe 5 Sack Schmuggelmais à 50 kg für 1700 MK pro Sack. Das ist die Hälfte des Preises, den Ziccan in Blantyre bezahlen wollte.

Auf dem Rückweg besuchen wir Dalitso Gumbayera, das blinde Patenkind von Christa Langner. Er ist an einer Schule für Blinde, wo aber auch sehende Kinder sind. Wir sehen auch mehrere Albinos.

Sa 25.2.

Am frühen Vormittag treffe ich mich mit Uta Hartleben und Gaby Meyer. Gaby hat nach meinen Angaben schon einen Brief an unsere Bank vorbereitet mit folgendem Inhalt:

Gaby Meyer ist allein-zeichnungsberechtigt für unser Konto.

  1. Uta Hartleben, Brigitte Kuhlmann und Hans Schäfer sind zeichnungsberechtigt zusammen mit einer zweiten Zeichnungsberechtigten.
  2. Funny Tawakali ist ab sofort nicht mehr zeichnungsberechtigt.

Ziccan und ich fahren anschliessend nach Muloza und kaufen nochmal zehn Sack Schmuggelmais, diesmal für 1675 MK pro Sack. Ziccan fürchtet zwar auf den schlechten Wegen um sein Auto, aber ich erkläre ihm, dass es dem Toyota ziemlich egal ist, ob er 9 Leute á 75 kg oder 2 Leute plus 500 kg Mais schleppt. Ziccan kann sich nicht vorstellen, dass Menschen auch ein Gewicht haben.

Inzwischen hat sich unsere Mühlen-Gruppe in Muloza versammelt. Ich erkläre den Mitgliedern nochmal den Sinn und Zweck dieser Mühle. Der Überschuss muss den Waisen zugute kommen. Bei Missbrauch oder Streit in der Gruppe werden wir die Mühle wegnehmen und wo anders aufbauen. Wir versprechen, Mais zu liefern für das Kochen von Mahlzeiten für unsere Kinder.

Wir besuchen nochmal Andreas und seine Freundin Emmie mit Tochter Miriam. Andreas zeigt uns, dass er mit Keulen jonglieren kann. Das verschafft ihm bei den Schwarzen grossen Respekt. Sie halten ihn für einen Zauberer. Ich beschliesse, es mal mit Feuerspucken mit Malawi-Gin zu versuchen. Das muss eine noch stärkere Wirkung haben! Der Glaube an Zauber und Geister scheint in Afrika zuzunehmen.

In Limbe, einem Vorort von Blantyre, kaufen wir noch verschiedene Sachen, die Dalitso sich gewünscht hat. Frau Langner hatte dafür extra einen Betrag überwiesen.

Auf dem Markt in Blantyre bestellen wir zwei Sack Sojabohnen á 7000 MK, damit wir endlich mit der Herstellung von Likuni Phala beginnen können.

So 26.2.

Wir besuchen meinen ehemaligen Flugschüler Madalitso Kadzeya, der uns mitnimmt zum Flugplatz Chileka. Ziccans Sohn Chawesi will nämlich auch Pilot werden. Als ich ihm aber sage, dass man dafür viel lernen muss, wird er unsicher und disponiert um auf Zirkusclown.

Wir besuchen einen „Schlosser“ und geben bei ihm die Anfertigung eines Sojabohnen-Rösters aus einem 200-Liter-Fass in Auftrag. Er will sich gleich an die Arbeit machen.

Danach will ich mit Ziccan Buchhaltung machen. Er guckt etwas unglücklich. Buchhaltung ist nicht gerade seine Leidenschaft. Im letzten Augenblick fällt ihm ein, dass ja heute die Beerdigung des Pfarrers aus Muloza ist. Erleichtert macht er sich auf den Weg und ist erst am späten Abend zurück. So eine Beerdigung ist eine feine Sache. Da trifft man jede Menge Leute und es gibt was anständiges zu essen und zu trinken.

Ich hocke inzwischen im Zimmer und lege einen neuen Ordner für die Belege und ein neues Kassenbuch an. Die Belege werden verbucht und abgelegt. Nachmittags wird es so schwül, dass ich es nur im direkten Luftstrom des Ventilators aushalte. Eine Wolke von Moskitos tanzt vor Freude über meinen Besuch um mich herum. Ich nehme mir vor, nie wieder in der Regenzeit in die Tropen zu reisen. Mein Kreislauf ist am Anschlag.

Mo 27.2.

Ich gehe ins Büro unseres Anwalts und will die versprochene Auftragsbestätigung abholen, leider erfolglos. Ich werde auf den Nachmittag vertröstet.

Wir fahren zu Dalitso in die Blindenschule und übergeben ein Radio mit CD-Spieler, ein Paar Schuhe und einen Koffer. Er freut sich sehr. Er führt uns in den Computer-Raum und schreibt einen Brief für Christa Langner. Sein Lehrer erklärt uns die Lernmittel für Blinde.

Danach fahren wir nach Chiradzulu und besuchen weitere Kinder. Auf dem Rückweg fahren wir beim Schlosser vorbei und verbessern den Sojaröster. Er soll morgen früh fertig sein. Auf dem Markt nehmen wir gleich die zwei Sack Sojabohnen mit.

Ein weiterer Besuch bei unserem Anwalt führt zum gleichen Ergebnis wie am Vormittag.

Di 28.2.

Wir holen den Sojaröster ab und fahren nach Lirangwe. Unterwegs treffen wir Tessa de Clercq, eine Holländerin, die wir bei den Chinesen kennen gelernt haben. Sie will sich unsere Maismühle und Bäckerei ansehen. Unterwegs geht ihr Auto kaputt. Wir laden sie und ihre chinesische Kollegin zwischen drei Sack Mais, zwei Sack Soja und den Röster.

In Lirangwe bauen wir den Röster auf, waschen das restliche Motorenöl aus dem Fass, machen ein Feuer darunter und rösten die Sojabohnen. Das ist notwendig, da man sie sonst nicht mahlen kann. Sie werden im Verhältnis 1 : 2 mit Mais gemischt und dann gemahlen. Das Ergebnis ist Likuni Phala. Die Sojabohnen sorgen für die Proteine.

Nachmittags mache ich einen letzten Versuch, die Auftragsbestätigung unseres Anwalts zu erhalten, leider wieder vergeblich. Die Sekretärin will sie per DHL nachschicken. Das glaubt mir in Deutschland kein Mensch!

Ich verabschiede mich von Ziccans Familie, aber die Kinder wollen mich nicht gehen lassen, ohne dass ich für sie „banane flambée“ gemacht habe. Jetzt kommt die neue Bratpfanne voll zum Einsatz. Als ich mit dem Gin auch noch zwei mitgebrachte Wunderkerzen zünde, flippen die Kids aus vor Begeisterung.

Mi 1.3.

Ziccan und ich starten morgens um vier nach Lirangwe. Es ist noch stockdunkel. Ziccan hupt die Müller aus dem Schlaf. Wir laden fünf Sack Mais aus und fahren weiter nach Matenje bei Salima. Im Morgengrauen rammen wir fast einen Baumstamm, den liebe Freunde in der Nacht quer auf die Strasse gelegt haben, um den Reisenden danach schon mal beim Tragen der Geldbörse, Armbanduhr und Scheckkarten behilflich zu sein. Wir haben Glück. Die Jungs mit den Buschmessern und Kalaschnikows haben schon Feierabend gemacht. Sonst hätte ich sagen müssen: „You stole 800 000 Kwatcha. Would you please sign this receipt for the german Finanzamt?“ Ich weiss, dass die Buchhaltung das Wichtigste an GEAMOC ist.

Um sieben erreichen wir Matenje. Die Müller und viele Kinder warten schon. Wir laden nochmal fünf Sack Mais aus. Ausserdem haben wir noch ein Fahrrad dabei für das Patenkind von Frau Holoubek, Chimkwamawa. Er selbst ist nicht da. Wir können auch nicht zu ihm fahren, da wir im Schlamm stecken bleiben würden. Deshalb geben wir das Fahrrad beim Häuptling ab.

Wir hören, dass die Maisernte mangels Regen im letzten Jahr sehr schlecht war, dass man aber diesmal durch viel Regen und subventionierten Dünger eine gute Ernte erwartet. Die Regierung schätzt die Ernte im April auf 2,2 Mio Tonnen bei einem Bedarf von 2 Mio. Tonnen. Das sind aber theoretische Zahlen, da die Leute jetzt schon den Mais grün essen und garnicht reif werden lassen. Erntediebstahl ist weit verbreitet und führt zu erheblichen Verlusten.

Wir fahren weiter Richtung Lilongwe. Unterwegs treffen wir Dorothea, die mit einem Auto voll frisch reparierter Kinder unterwegs ist. Sie fragt, ob ich ihr nicht ein Funkgerät besorgen kann, da sie sich schon öfter auf den schlammigen „Strassen“ festgefahren hat und manchmal mit den Kindern die ganze Nacht festsitzt, bis am Morgen Hilfe kommt. Hier ist kein Handy-Empfang. Ich schenke ihr erst mal 3 kg Vitaminbonbons.

Nachmittags sind wir bei Selina. Sie hat etliche Kinder und Pflegemütter eingeladen. Auch hier hören wir, dass das Schulgeld, besonders an Privatschulen, deutlich erhöht wurde. Selina erhält eine erste Anzahlung von 30.000 MK. Auf mich ist sie sauer und behauptet, ich hätte sie übergangen und würde direkt mit Sister Eugenia verhandeln. Das ist aber garnicht möglich, da ich von dieser weder Telefon-Nummer noch Adresse habe. „Ojeh“, denke ich, „schon wieder so eine beleidigte afrikanische Leberwurst!“ Wir verabreden, am nächsten Morgen gemeinsam zu Sr. Eugenia zu fahren. Ziccan verabschiedet sich und fährt zurück nach Blantyre.

Do 2.3.

Am nächsten Morgen erscheint Selinas Sohn Prex, um mich abzuholen. Er sagt, dass Selina nun doch nicht mitfahren wolle. Komisch! Ausserdem ist der Tank leer. Das hatte ich auch nicht anders erwartet. Also erst mal Geld wechseln und tanken. Danach bittet er mich, das Steuer zu übernehmen, da er „ein technisches Problem mit seinem Führerschein“ hätte. Na gut. An der Strassensperre in Namitete fällt mir ein, dass ich auch keinen Führerschein habe. Den hatte ich ja am Tage meiner Abreise bei der Bussgeldstelle hinterlegt. Also zeige ich dem Posten meinen Personalausweis, sage mehrfach „very important“ und grüsse ihn militärisch. Das hilft. In Afrika hat das Militär Narrenfreiheit.

Um zehn erreichen wir die Farm von Sr. Eugenia. Sie ist ganz allein. Ich stelle fest, dass ihre Kinderliste nicht mit der von Selina übereinstimmt und korrigiere meine Liste entsprechend. Wir unterhalten uns über die verschiedenen Kinder und ihre Unterstützung. Ich schenke ihr 6 Sätze Stechbeitel für eine Schreiner-Ausbildung der älteren Kinder nach dem Ende der Schulzeit. Anschliessend fahren wir zusammen zur Magawa Secondary School. Ich fotografiere einige unserer Kinder. Vorher erhält jedes Kind ein Schild mit der Nummer aus unserer Kinderliste. Das sieht zwar wie im Gefängnis aus, aber es funktioniert. Auch hier sind die Schulgebühren auf knappe 100 Euro pro Jahr gestiegen.

Wir fahren weiter nach Guilleme, einer grossen Missionsschule. Sister Veronica ist da und freut sich über den unverhofften Besuch. Wir haben uns fünf Jahre nicht mehr gesehen. Wir suchen Donata Listide von Frau Langner. Sie ist nicht da, aber ihre Mutter erscheint, wie immer in einem neuen selbstgeschneiderten Kleid. Seit wir sie vor Jahren im Nähen ausgebildet haben, ist sie eine begeisterte und talentierte Schneiderin. Sr. Veronica meint, Donata sei öfters krank, eventuell psychisch. Die Ärzte wüssten nicht mehr weiter.

Ich verabschiede mich von den Damen und fahre mit Prex zu Deriah, unserer ehemaligen Supervisorin. Ihr Haus liegt an der Strecke. Sie erkennt mich sofort wieder. Wir sprechen über alte Zeiten. Sie meint, sie würde noch Geld von uns kriegen wegen des Mühlenhauses in Matenje. Ich sage ihr, dass wir das verrechnet haben mit dem von ihr beim Bau der Schul-Toiletten geklauten Zement, wodurch diese beim ersten Regen wieder einfielen. Deshalb haben wir sie ja damals auch rausgeworfen. Sie lacht herzlich. Afrika kann manchmal ganz lustig sein.

Wir fahren weiter Richtung Lilongwe. Plötzlich geht die Kühlwasser-Warnlampe an. Prex schlägt vor, sie zu ignorieren (afrikanische Problemlösung). Ich fahre vorsichtig weiter, bis die Wassertemperatur steigt. An der nächsten Tankstelle fülle ich vier Liter Wasser nach. Der Behälter hat mehrere Risse. Abends bin ich wieder bei Willi. Prex fährt nach Hause.

Fr 3.3.

Willi nimmt mich mit zu einem sehr abgelegenen Kinder-Zentrum zwischen Balaka und Mangochi. Der Betreiber, der Deutsche Johannes Urschütz, ist aber nicht da. Telefon, auch Handy, gibt’s hier nicht. Die „Strassen“ sind wegen des Regens sehr schlecht. Wir arbeiten an 45 km anderthalb Stunden. Es gibt auch fast keine Wegweiser. Die Menschen können nur selten englisch, obwohl das ab der ersten Klasse unterrichtet wird. Viele sind aber nie in einer Schule gewesen.

Auf der Weiterfahrt gucken wir nochmal in Lirangwe vorbei. Der Sojaröster hat funktioniert. Unser Likuni Phala war ein voller Erfolg. Ich verabschiede mich von den Frauen. Sie fragen: „Kommst du wieder?“ Ich weiss es nicht. Vielleicht habe ich sie zum letzten Mal gesehen.

Abends treffe ich mich mit Ziccan und einem Geldwechsler im Hotel Ryalls. Willi besucht so lange Freunde. Ich wechsle nochmal 5.500 Euro und erhalte dafür 907 500 Kwatcha. Das ist eine grosse Tragtüte voll. Der grösste Schein, den es gibt, ist 500 Kwatcha. Das sind etwa drei Euro. Ich gebe Ziccan das Geld für den ersten Besuch bei den Kindern, um ihnen Lebensmittel, Kleidung etc. zu kaufen. Ausserdem erhält er seinen Lohn für das erste Quartal.

Willi und ich übernachten im Gästehaus einer Mission für 2500 MK p.P. incl. Frühstück. Dafür kriege ich in Europa ein Frühstück ohne Übernachtung.

Sa 4.3.

Wir fahren weiter auf eine Tee-Plantage südlich von Thyolo. Die letzen 40 km sind wieder etwas mühsam. Ein älteres schottisches Ehepaar, John und Janet, begrüssen uns. Sie betreiben die Plantage seit 44 Jahren. Janet ist die Geschäftsführerin. Sie hat erkannt, dass der Anbau von Tee allein zu gefährlich ist. Wenn der Regen ein Jahr lang ausbleibt, ist man pleite. Sie baut deshalb ausser Tee noch Kaffee, Bananen und Ananas an. Die neue cash crop aber sind Macadamia-Nüsse. Janet hat alle Erträge und Aufwendungen in Tabellen erfasst. Mir fällt auf, dass hohe Kosten zur Bewachung der Felder zur Erntezeit sowie zur Überwachung der Wächter notwendig sind. Ausserdem ist die Schädlingsbekämpfung eine schwierige Aufgabe. Willi empfiehlt biologischen Anbau. Janet entgegnet, das das bei manchen Schädlingen nicht funktioniert. Sie hat auch keine Tiere für den Dünger. Die Anschaffung einer Kuhherde wird diskutiert. Das Hauptproblem sind die mühsamen Transportwege. Wie kriegt man die Milch auf den Markt? Janet sagt, dass ein Export von Agrarprodukten nach Europa schwierig sei wegen der weit überzogenen Vorschriften der EU.

Janet betreibt eine Trocknungsanlage für Bananen und Ananas. Sie klagt, dass der Trocken-Vorgang so lang dauert. Ich finde schnell die Ursache. Der Lieferant hat einfach den Trockner in einen geschlossenen Raum gestellt. Die feuchte Abluft kann so nicht entweichen und wird immer wieder neu angesaugt und im Kreis rum geblasen. Ich erkläre Janet, wie sie die Anlage abändern muss. Sie sagt, die getrockneten Früchte schmecken hervorragend. Sie verkauft sie bis nach Kapstadt. Ich denke, dass das auch ein gutes Projekt für unsere Frauengruppen wäre.

Während Janet uns über die Plantage führt und die verschiedenen Pflanzen erklärt, geht ein gewaltiges tropisches Gewitter über uns nieder. Das Wasser schiesst in Sturzbächen die Hänge herab. Wir tragen Gummistiefel. Ich bin gespannt auf die Heimfahrt.

Janet erzählt, dass sie in der Erntezeit etwa 1000 Arbeitskräfte beschäftigt. Dazu kümmert sie sich noch um die umliegenden Kleinbauern und berät sie beim Anbau, Verarbeitung, Transport und Vermarktung. Ein Krankenhaus, eine Schule und eine Kirche hat sie auch schon für ihre Nachbarn gebaut. John und Janet sind über siebzig. Was ist, wenn sie mal nicht mehr können? Seit Jahren suchen sie einen Nachfolger. Bisher war noch keiner geeignet. „Die wollen alle nichts mehr arbeiten!“ sagt sie.

Am späten Nachmittag verlassen wir das gastfreundliche Haus und rutschen und schlingern wieder zurück. Willi ist ein erfahrener Fahrer und wir haben Allrad-Antrieb und Differential-Sperre. Nach einer Stunde erreichen wir die Asphaltstrasse. Jetzt sind es nur noch 400 km.

In Blantyre wartet Ziccan an der Strasse. Er gibt mir noch seinen Monatsbericht für Februar mit. Willi und ich fahren weiter und erreichen Lilongwe gegen 23 Uhr.

So 5.3.

Um neun fahren wir zum Gottesdienst der Capital City Baptist Church, wo Willi eine Art Kirchenbeirat ist. Die Kirche ist voll. Es beginnt mit viel Musik der Kirchenband. Diese besteht aus einer Sängerin, drei Gitarren, Piano und Schlagzeug. Der Drummer ist ein neunjähriger Schwarzer. Die Predigt hält Henry Joseph III aus Mississippi wie im letzten Jahr.

Danach wollte ich mich eigentlich mit Selina treffen, aber sie kommt wieder nicht, sondern schickt ihre Tochter Fiona. Ich gebe ihr 145.000 MK für Schulgeld, Lebensmittel usw. für die von ihr und Sr. Eugenia betreuten Kinder. Selina hat 10 Kinder, Sr. Eugenia hat 14.

Uta Hartleben kommt noch schnell vorbei und gibt mir den Rest der Buchhaltungsunterlagen von 2005. Sie ist nach Lilongwe umgezogen, kann uns also in Blantyre nicht mehr helfen.

Letztes Mittagessen mit Willi und Ruth. Willi fährt mich zum Flugplatz. Er wird im April in Deutschland sein. Beim Einchecken treffe ich Sr. Veronika aus Madisi. Sie fliegt mit mir nach Frankfurt. Wir sprechen über die künstliche Bewässerung ihres Gemüsegartens für die Kinder. In Madisi werden 600 Kinder von den Schwestern versorgt mit Schule, Essen und Krankenhaus. Ganz schön viel!

Wir fliegen über Entebbe und Addis nach Frankfurt, wo wir um 0530 h landen. Wieder 35 °C Temperaturdifferenz, diesmal von warm zu kalt. Das ist mir lieber! Mein Koffer hat wieder 33 kg. Er ist voll mit Kaffee und Makademia-Nüssen für unser Jahrestreffen Ende März.

Die letzten 200 m der Reise sind die schwierigsten. Ich schleppe meinen Koffer durch den Schnee. Das glaubt mir in Malawi kein Mensch! Warum schicken wir nicht den ganzen Schnee nach Malawi und verkaufen ihn als Schneebälle für Kinder? Das wäre doch ein Bombengeschäft!

Zuhause stelle ich fest, dass ich zwei Kilo abgenommen habe. Also war die Reise doch zu was gut!

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